Buchhandlung FELIX JUD & Co., Hamburg – Zwischen Tradition und Avantgarde
von Sonja Valentin
Die Buchhandlung FELIX JUD ist einer jener rar gewordenen Orte, an dem die Welt von gestern und die Welt von heute eine glückliche Allianz eingehen. Ein Ort, an dem die Zeit bisweilen still zu stehen scheint, an dem intensive Gespräche über Bücher, Kunst und Philosophie möglich und erwünscht sind.
Historie
Felix Jud war 24 Jahre alt, als er 1923 seine „Hamburger Bücherstube“ gründete. In der Einladung zur Eröffnung hieß es selbstbewusst: „Allen Verhältnissen zum Trotz - im Glauben an eine bessere Zukunft Deutschlands und im Vertrauen auf das literarisch gebildete Hamburger Publikum - haben wir uns entschlossen, eine neue Buchhandlung zu eröffnen. Die HAMBURGER BÜCHERSTUBE FELIX JUD & CO. soll eine Pflegestätte sein für das gute und schöne Buch, für Publikationen über alte und moderne Kunst und für Bücher über Philosophie. Darüber hinaus werden alle wesentlichen Erscheinungen aller anderen Wissensgebiete stets vorrätig sein.“
Dieses Credo bildete den Grundstein für eine anhaltende Erfolgsgeschichte und hat auch heute - mehr als 80 Jahre später - nichts an Gültigkeit und Glaubwürdigkeit eingebüßt.
Felix Jud, 1899 im ehemals niederschlesischen Klingenthal geboren und schon als Kind ein passionierter Leser, absolvierte zunächst eine kaufmännische Lehre im Eisenwarenhandel, bevor er sich seinen Traum erfüllen konnte und Buchhändler wurde. Nach seiner Ausbildung bei Eckard Klostermann übernahm er schon kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges (da war er 15 Jahre alt) die volle Verantwortung für die Fromman‘sche Hofbuchhandlung in Jena. 1919 fand er eine Stelle in Hamburg, und vier Jahre später (am 20. November 1923) eröffnete Felix Jud in den Colonaden 104 die HAMBURGER BÜCHERSTUBE. Neben der Klassischen Literatur hat für ihn zeitlebens die Neue Deutsche Literatur eine zentrale Rolle gespielt - ermöglichte sie ihm doch den persönlichen Umgang mit den Autoren.
Die Jahre 1933-1945 und der Neuanfang
Mit den Nationalsozialisten verband Felix Jud gar nichts. Nach der Machtübernahme gab es immer wieder Signale und Reaktionen von ihm, die seine Abneigung gegen das Nazi-Regime deutlich machten. 1935, als jeder Buchhändler per Erlass dazu verpflichtet wurde, an Hitlers Geburtstag ein Sonderfenster in seinem Geschäft zu gestalten, platzierte Felix Jud ein eingerissenes Titelblatt mit dem Photo des Führers in der Mitte der Scheibe und füllte das Fenster mit diversen Exemplaren des Südsee-Reisebuches "Heitere Tage mit braunen Menschen“ von Richard Katz. Nach den Prozessen gegen die Mitglieder der "Weißen Rose“ in München wurde der Hamburger Zweig der Widerstandsgruppe, der Felix Jud angehörte, systematisch unterwandert. Felix Jud, der wie einige seiner Kollegen unterm Ladentisch Bücher anbot, die offiziell nicht mehr verkauft werden durften, wurde Opfer dieser Unterwanderung und geriet ins Netz der Gestapo. Er wurde am 19. Dezember 1943 verhaftet und zu mehreren Jahren Zuchthaus verurteilt. Während der Haft wurde er in das KZ Neuengamme (bei Hamburg) gebracht, wo er bis zu seiner Entlassung 1945 bleiben musste. Danach schlug er sich zunächst durch, um seine Familie zu ernähren, denn die Buchhandlung war bei der Bombardierung Hamburgs 1943 zerstört worden. 1948 begann er mit Hilfe eines befreundeten Architekten eine Ruine am Neuen Wall auszubauen. Ein weiterer Freund unterstützte ihn finanziell, und so gelang es Felix Jud, die HAMBURGER BÜCHERSTUBE am 6. Oktober 1948 neu zu eröffnen. 1955 wurde das Grundstück verkauft, doch mit der Unterstützung von Axel Springer gelang es Felix Jud, eine neue Bleibe zu finden. Die HAMBURGER BÜCHERSTUBE, am jetzigen Standort Neuer Wall 13, wurde wieder zum Treffpunkt für - so der Inhaber: "Freunde, Politiker aller Couleur, für Maler, Dichter, Schauspieler und Müßiggänger aller Art.“
Matthias Wegner formuliert es in der Firmenschrift zum 75jährigen Bestehen der Bücherstube so: ”Jahrzehntelang war das Auftauchen des Silberschopfes von Felix Jud hinter der Schaufensterscheibe das Signal zur sofortigen Einkehr in sein Reich. Dann stand man im Banne dieses gleichermaßen wissenden wie neugierigen Causeurs und verließ - viel zu spät, aber herrlich erfrischt - den Laden mit einer Handvoll Bücher unter dem Arm. Wilfried Weber und Marina Krauth haben es auf bewundernswürdige Weise geschafft, den Zauber von einst zu erhalten und ihn mit eigener Handschrift zu versehen. Sie haben der HAMBURGER BÜCHERSTUBE ihr eigenwilliges, aber vornehmes Gesicht erhalten. (Aus: Und wer besorgt das Spielzeug? - 75 Jahre Hamburger Bücherstube Felix Jud & Co., Hamburg 1998). Im Jahre 2005 erfolgt eine Umfirmierung: aus der Hamburger Bücherstube Felix Jud & Co. wird Felix Jud & Co. KG Buchhandlung.
Das Besondere
Die Buchhandlung Felix Jud war und ist durch eine ganze Reihe von Aktivitäten mit der Kunst- und Literaturszene Hamburgs verbunden. Sie arbeitet eng mit den Läden in der Hamburger Kunsthalle zusammen und betrieb jahrzehntelang den Shop im Museum für Kunst und Gewerbe. Wilfried Weber, der 1962 zu FELIX JUD kam und mit seiner Teilhaberschaft 1973 das Angebot der Buchhandlung um die Bereiche Kunst und Antiquariat erweiterte, ist Mitbegründer und langjähriger Vorstandsvorsitzender des Literaturhauses Hamburg gewesen und seit Jahren im Vorstand der Freunde der Kunsthalle tätig. Wilfried Weber und Marina Krauth, Teilhaberin seit 1993, sehen eine besondere Herausforderung darin, eine Traditions-Buchhandlung in einer Zeit zu führen, die voller wirtschaftlicher, kultureller und technischer Veränderungen ist. Wilfried Weber ist überzeugt: „Man muss sich die berühmte Nische schaffen, in der man gebraucht wird und in der ein Teil der Kundschaft seine Bedürfnisse erfüllt sieht. Man muss sich als Unikat präsentieren. Unser Weg ist Konzentration auf die Bereiche, die unser persönliches Interesse ausmachen, wo wir uns auskennen und auch breit sortiert sind, sowie der kompetente Dialog mit den Kunden.“ Marina Krauth betont: „Für uns gilt: Fortschritt nutzen, Individualität wahren, Orientierungshilfen bieten. Bei uns ist der Kunde weniger König - er ist und bleibt Persönlichkeit.“
Autoren im Dialog – Lesungen mit prominenten Gästen
Die Liste der hochrangigen Autorinnen und Autoren, die schon als Gast bei FELIX JUD aufgetreten sind, um aus ihren Büchern zu lesen und mit dem Publikum zu diskutieren, ist lang und beeindruckend. Stellvertretend für die vielen prominenten Gäste seien hier nur einige genannt: Henry Miller, Gregor von Rezzori, Siegfried Lenz, Cees Noteboom, Walter Kempowski, Martin Walser, Wolfgang Hildesheimer, Nobelpreisträger Derek Walcott, Jurek Becker, Durs Grünbein, Karl Lagerfeld, Alexander Graf Schönburg, Joachim Fest, Christian Kracht, Louis Begley. Hervorragende Sprecherinnen und Sprecher haben ihre Stimmen Autoren geliehen, die ihre Texte nicht mehr selbst vortragen konnten: Iris Berben (Bulgakow und Némirovsky), Katja Riemann (Fontane), Bruno Ganz und Otto Sander (Flaubert und Turgenjev), Barbara Auer (Puschkin), Jan Philipp Reemtsma (Arno Schmidt), Markus Boysen (Max Beckmann), Joana Maria Gorvin (Minetti), und Gert Westphal (Wieland und Goethe), Ulrich Tukur (Osip Mandelstam), Helmut Lohner und Jürgen Flimm (Thomas Bernhard und Siegfried Unseld), u.a. In der Reihe „Leben mit Philosophie“ sprachen u.a. Rüdiger Safranski, Volker Gerhardt und Norbert Bolz. Die Reihe der Lesungen hat sich bis heute fortgesetzt und wird auch künftig mit attraktiven Veranstaltungen in der schönen Atmosphäre der Buchhandlung stattfinden, um den lebendigen, direkten Dialog zwischen Autoren und Lesern zu ermöglichen.

